Kater über Berlin, 

 

Katzen sind schwindelfrei, auch Nathalies Kater Fjodor. Nathalie glaubt, er sei viel zu vorsichtig und weise und im übrigen auch ein bisschen zu feige, um von der Dachterrasse im sechsten Stock auf den Mauersims und von dort über die Halteringe der Regenrinne aufs Dach zu steigen. Aber seine Neugier ist größer als seine Vorsicht, und es gelingt ihm ja auch spielend, die Wanderung anzutreten. Er will nach Nachbarskatzen Ausschau halten und in der Stadt sind nun einmal Dächer die Kontaktbörse der Stubentiger.

Es gibt Dachlandschaften, die auch dem klügsten Katzentier Überraschungen bieten, und es gibt marode Abdeckungen von Luftschächten, die auch unter einem leichteren Kätzchen nachgeben würden, bestimmt aber unter dem stattlichen Fjodor. Er fällt gar nicht tief, denn da gibt es noch Absperrgitter drei Meter tiefer.  Verletzt ist er auch nicht, er hat seinen Fall in dem schmalen Schacht mit Pfoten und Krallen abbremsen können. Aber nun sitzt er da und maunzt kläglich nach oben und nach unten durchs Gitter, denn er steckt hier fest wie eine Spinne im Emailbecken: Herausklettern unmöglich.

Nathalie hat zwar auf Fjodors Weisheit und Feigheit vertraut, aber ihm dennoch ein kleines Schmuckstück am Halsband befestigt,  das schon vom Namen her für einen Kater sehr geeignet ist, denn es heißt kitten, Kätzchen. Dass sie das getan hat, ist nun wiederum ein Zeichen für Nathalies Weisheit. Denn als Fjodor eine kleine Ewigkeit lang nicht erscheint, schaut sie auf ihr Smartphone und aktiviert die „cat“-Funktion. Merkwürdig, das Tier ist im gegenüberliegenden Haus, aber nicht oben auf dem Dach, sondern, wie es scheint, in einer Wohnung darunter. Kriegt Fjodor dort etwas zu fressen, wird er gefangen gehalten?

Nathalie geht aus dem Haus und auf die Nebenstraße, sie schafft es, mit dem Mieter der Wohnung Kontakt auf zunehmen, in dem sie den Kater vermutet, aber der Mann weiß von nichts. „Wie kommen Sie denn darauf? Aber bitte, sehen Sie selbst nach!“ Und als Nathalie im Wohnzimmer des Mannes Fjodor ruft, glaubt sie irgendwo durch dicke Wände ein Miauen zu hören. Sie bemüht wieder ihre Peilstation – Cat ruft Kater sozusagen – und es wird eindeutig: Fjodor steckt irgendwo zwischen den Wänden in einem Loch, in das er von oben hineingefallen sein muss.

„Kann man hier aufs Dach?“

„Ja, über die Bodentreppe.“

Die Feuerwehr rückt nicht nur wegen Feuers aus, sondern hin und wieder ganz umsonst. Sehr oft aber befreit sie Katzen, die sich verstiegen haben, so auch den reichlich zerzausten und nervösen Fjodor aus dem Luftschacht jenes Hauses, auf das Nathalie von jetzt an mit anderen Augen blicken wird. Und jedesmal wird sie dankbar feststellen, dass das mit dem „kitten“ an Fjodors Halsband eine ziemlich gute Idee war.